Geschichte der Pfarrei Schwabegg
Die alte Expositur- und ehemalige Pfarrkirche zu Schwabegg
Von Mich. Grasmüller, Expositus
Auf halber Höhe, am Wege zum Kalvarienberg, in der Talmulde
südöstlich des sogenannten Weinberges, befindet sich seit alters
der Gottesacker des Dorfes Schwabegg.
Der 1923 vergrößerte und neu geordnete Friedhof hatte aber
noch vor 50 Jahren [1875 Anm. d. Red.] ein ganz anderes
Aussehen. In der Mitte desselben erhob sich majestätisch die
kleine, uralte Pfarrkirche des Ortes. Heute findet man von ihr
kaum mehr einige Steinbrocken, die sich beim. Ausheben der Gräber
da und dort zeigen und nur ganz wenig Schwabegger wissen noch von
ihr zu erzählen. Ein Grundriß aus dem Jahre 1872 und eine sehr
mangelhafte Tintenzeichnung aus dem Jahre 1855 sind die einzigen
Anhaltspunkte zur Rekonstruktion des ehemaligen, so idyllisch
gelegenen Gotteshauses.
Die alte Kirche zu Schwabegg reicht in ihren Grundmauern wohl ein
volles Jahrtausend zurück. Noch lebende Abbruchsarbeiter
erzählen, dass man beim Abtragen der Wände auf ungeheuer festen
und starken Grund stieß, der kaum zu bewältigen war. In der Tat
wurde ja diese Kirche wie uns das Saalbuch (1784) berichtet,
wiederholt geplündert und verwüstet, so erstmals in der Zeit der
Ungarneinfälle um 955, dann im 17. Jahrhundert in den
Schwedenkriegen (1618-1648). Ja in dieser schrecklichen Zeit war
das Kirchlein ganz in Verfall gekommen, so dass es fast neu
aufgebaut werden musste. Wohl schon lange vor dem Aussterben der
edelfreien Herren von Schwabegg (1168) bis zum Jahre 1663 war
dieses Gotteshaus Pfarrkirche. In der letzten Folgezeit aber war
Dorf- und Pfarrkirche so verarmt, dass die Pfarrei Schwabegg
aufgehoben werden musste. Üeber 100 Jahre lang hatte fortan
Schwabegg keinen Geistlichen mehr. Erst von 1775 an werden
wieder, wenn auch oftmals mit großer Unterbrechung, exponierte
Kapläne angewiesen. So rettete sich das notdürftige Kirchlein nur
mit Muhe und Not bis in die neueste Zeit herein, bis 1874, in
welchem Jahre etwa 100 Meter unterhalb an der Dorfstraße eine
neue, stattliche Kirche entstand.
Augenzeugen wissen noch gar wunderliche Dinge vom alten
Kirchlein zu erzählen. Dasselbe sei viel zu klein gewesen, war
sehr feucht und hätte innen wie außen einer gründlichen Reparatur
bedurft. Doch sämtliche Gutachten von Fachleuten gingen dahin,
aus dieser Kirche lasse sich nichts mehr machen; man baue viel
leichter und billiger eine neue, als dass man die alte den
Verhältnissen anpasse. Schon im Jahre 1858 zeigte der Kirchturm
mit seinen "Bimmlein" gewaltige Risse; Mauersteine fielen heraus
und bedrohten die Kirchenbesucher. 1859 musste der Turm
abgetragen werden und es wurde nun ein ganz ärmlicher Holzkasten,
in Größe und Stil einem Transformatorhäuschen ähnlich, etwa 30
Meter aufwärts am Abhang des Weinberges errichtet. Dort bimmelten
nun die 2 Glöcklein und konnten noch freier als zuvor vom Turme
aus Schwabeggs Kirchennot in die weite Wertachebene
hinausgellen. Der Volksmund hat das Seufzen des Schwabegger
Geläutes in dichterische Form gegossen: "Wenn die größere Glocke
läute, so sei es, als wimmere jemand mächtig: O Oelend, o Oelend,
o Oelend ...! - Und jeder, der sie hörte, dachte sich dabei: Wie
lange wohl noch? - Und da fiel dem Grübler die kleinere Glocke in
die Gedanken und gab die Antwort: Sei lebba lang, sei lebba lang,
sei lebba lang ...!
Noch schwieriger als das Äußere der Kirche zu rekonstruieren, ist
die Beschreibung des Inneren; denn kein wesentlicher Teil, kein
Altar, kein Bild hat sich bis in den heutigen Tag erhalten. Auch
im Inneren war eben alles morsch und faul infolge der großen
Feuchtigkeit des Kirchleins. Dem Stile nach war die Kirche
barock, aber in allen Teilen in der denkbar einfachsten Form
gehalten. Die Wände -waren im Grundton weiss getüncht, ohne
besonderes Zierat, und wiesen zahlreiche grünlichgrau verfärbte
nasse Flecken auf. Der Hauptaltar zeigte einen mächtigen
Mittelbau (Drehtabernakel), derselbe war eingefaßt von 4 Säulen,
zwischen denen sich zwei liebliche Engelsfiguren befanden. Der
obere Teil mit dem Altarbild: "Maria Verkündigung" ging etwas in
die Tiefe und hatte gleichfalls vier Säulen, von denen die
Inneren zwei gewunden waren. Das Bild selbst konnte
herausgenommen werden und dann zeigte sich dem Besucher ein rotes
Glasfenster im Hintergrund, das den ganzen Chor magisch
beleuchtete. Der tiefe Raum über dem Tabernakel bot auch
Gelegenheit zur Aufstellung religiöser Szene, entsprechend den
kirchlichen Festzeiten (Ölberg, Dreimaliger Fall, heiliges Grab,
Auferstehung, Himmelfahrt). Zu beiden Seiten des Altares auf
geeigneten Postamenten standen dann noch die 2 Bistumsheiligen
Ulrich und Afra. Im Chore selbst war sonst nichts Achtenswertes
mehr außer zwei großen Chorstühlen und einer sehr primitiven
Kommunionsbank. Über der Sakristeitüre war noch eine kleine
Öffnung zu sehen, das sogenannte "Chärle", ein arg kleiner Raum,
den man nur kriechend erreichen und in dem man nur knieend
verharren konnte.
Oben am Chorbogen hing freischwebend ein Kreuz, das dem Aussehen
nach sehr alt sein musste und die Jahrzahl 1594 trug.
Das Schiff der Kirche enthielt zwei Altäre von gleicher Stilart
wie der Hochaltar, aber noch viel einfacher. Der rechte war dem
hl. Sebastian geweiht, der linke ein Marienaltar. Hart an
ersterem führte eine enge Stiege zur Kanzel, deren Brüstung
rundum mit kleinen Säulen umgeben war. Auch die Kanzel musste
sehr morsch und baufällig gewesen sein, denn als einmal ein
Jesuitenpater mit Begeisterung predigte und dabei zur
Bekräftigung mit der Hand auf die Kanzel schlug, löste sieh eine
Säule los und stürzte mit Gepolter in die unaufmerksame
Knabenschar.
Den sonstigen Wandschmuck bildeten einige Apostelfiguren und
verhältnismäßig große Kreuzwegstationen in hübsche Barockrahmen
gefaßt. An der Rückwand war eine Empore, die durch ein mächtiges
Holzgitter mehr zweckmäßig als schön abgeteilt war: rechts für
den Kirchenchor, links für die Burschen. Die Träger der Empore,
zwei schmucklose "und vom Alter rissig und krumm. gewordene
Holzsäulen, trugen als würdigen Abschluss zwei Heiligenfiguren:
Wendelin und Ottilia.
Eine Frage vielleicht interessiert uns noch: Wo sind diese
Heiligenfiguren hingekommen? - Antwort: Fast alles ist spurlos
verschwunden. In der neuen Kirche finden wir davon noch das Kreuz
am Chorbogen, jetzt im Vorzeichen über der Armenseelentafel; dann
die hl. Ottilia, jetzt ebenfalls im Vorzeichen über dem Eingang;
ferner die zwei Chorstühle, die einzigen Überreste, die ihrem
Zwecke erhalten blieben. Alles andere ist verschwunden. Der
Kreuzweg wurde nach Türkheim veräußert, der hl. Ulrich. vom
Hochaltar kam. nach Schwabmünchen. Weitere Spuren lassen
sich. nicht mehr finden. Verloren und vergessen, das ist eben das
traurige Los der Vergangenheit.
Aus: "Der Sinkelbote", heimatkundliche Beilage zum Schwabmünchner
Tagblatt, l. Jahrg. Nr. 22 vom 15.4.1925, Seite 85, 86 u. Nr. 23
v. 1.6.1925, S. 90., Neuauflage September 2002
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